Warum Privatsphäre?

privacy three wise monkeys variation

AKTUELLER WIRD´S NICHT

Und ich dachte schon, ich müsste mir einen Aufhänger für das Thema suchen.
Gerade jetzt, wo Flüchtlingsproblematik, Wahlen und Wirtschaft uns auf Trab halten, will Österreich einen neuen Gesetzesentwurf auf den Weg bringen, der die Ausspähung sämtlicher Bürger ohne richterliche Anordnung (und entsprechende Kontrolle) zu einem leichten Spiel werden lässt. Geheimdienste sollen eingeführt werden, für jedes Bundesland einer und noch einer extra für landesweite Ermittlungen. Man könnte meinen, wir wären mindestens so groß wie die USA.
Der Einsatz bezahlter Spitzel (V-Leute) soll legal werden (in Deutschland merkt man ja schon, wie gut das funktioniert…), das Ausforschen des persönlichen Umfelds und sämtlicher Daten normale Vorgehensweise und das Ganze mit absolut schwammig definierten Anwendungsvorgaben, praktisch gesehen also ohne begründeten Verdacht.

Deswegen möchte ich, bevor ich zum eigentlichen Thema komme, sämtliche meiner österreichischen Leser bitten, sich die Petition gegen den Gesetzesentwurf auf https://www.staatsschutz.at/ anzusehen und zu unterschreiben, da gibt’s auch genauere Informationen und Links zum Thema, ich bin bei weitem kein Experte auf dem Gebiet und wer sich tiefe gehend darüber informieren will sei dahin verwiesen. Ich möchte mich an dieser Stelle eher mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Überwachung beschäftigen , weniger mit den juristischen Spitzfindigkeiten.

WEIL WIR ALLE MAL 12 WAREN

Privatsphäre ist, entgegen ihres Namens, kein Phänomen das nur die jeweiligen Einzelpersonen betrifft. Überwachung, bzw. vor allem die Möglichkeit der Überwachung, hat ganzheitlich Einfluss auf die Gesellschaft, in der wir leben.
Es gibt da diesen tollen Spruch, der mich immer wieder nervt:

„Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten“

1. Ist das der größte Blödsinn, den ich je gehört habe. Wer will schon, dass die ganze Welt weiß, wie man sich im größten Suff aufgeführt hat, wie man mit Magen-Darmgrippe aussieht oder was man als 12-jähriger heimlich im Keller angestellt hat. Jeder hat etwas zu verbergen und auch das Recht dazu.
2. Stimmt das auch für den theoretischen Menschen nicht, der nicht hin und wieder besoffen ist, Magen- Darmgrippe hat oder jemals 12 Jahre alt war, denn auch er lebt nicht alleine auf der Welt.

WEIL WIR MENSCHEN BRAUCHEN, DIE DEN MUND AUFMACHEN

Für uns alle ist es wichtig, dass jemand aufsteht und gegen Missstände protestiert, ob das nun Journalisten sind oder Privatpersonen, denn wenn das nicht passiert werden diese Missstände auch nicht beseitigt und sich im Laufe der Zeit verschlimmern. Die Auswirkungen davon bekommen wir zwangsläufig alle zu spüren, ob wir nun Geheimnisse haben oder nicht.

Und Überwachung, vor allem ohne Einschränkungen, macht diesen Protest nicht nur schwierig sondern vor allem gefährlich, .
Wer gegen Missstände protestiert kann leicht ins Visier von Geheimdiensten kommen, das kann Existenzen zerstören, im Extremfall kann es um´s nackte Überleben gehen.
Wer möchte es sich unter diesen Umständen antun, seine demokratischen Grundrechte zu nutzen, und um genau das geht es hier.

WEIL WIR UNS VERÄNDERN, WENN MAN UNS STÄNDIG BEOBACHTET

Und nach einer Weile geschieht noch etwas anderes: Wir fangen an, uns selbst zu zensieren.
Wer ständig mit der Möglichkeit konfrontiert ist, überwacht zu werden, der verhält sich auch konformistischer, bloß nicht auffallen, da hängen Eltern, Ehepartner, Kinder, Freunde mit dran, die man gefährden könnte.
Je länger wir dem ausgesetzt sind, umso seltener werden wir den Mund aufmachen und neue Wege versuchen.

Stellt euch einfach mal vor überall in eurer Wohnung, an eurer Person sind Kameras, die 24 Stunden am Tag übertragen, was ihr so treibt, an jemanden, den ihr nicht kennt.
Würdet ihr euch wirklich verhalten wie sonst auch?
Ich ganz sicher nicht, viele Witze würde ich mir sparen, viele Themen vermeiden, seltener über politische Missstände sprechen, mein Austausch mit der Umwelt, meine Stimme wäre extrem eingeschränkt. Ich wünschte mir ich wäre so ein Held, der trotz aller Repressionen auch in so einem Szenario noch seine Meinung laut verkünden würde, aber ich glaube nicht, dass ich das wäre. Denn ich habe etwas zu verlieren und einem sehr großen Teil der Menschheit geht es genauso.
Natürlich ist das jetzt ein extremes Beispiel, aber im Kleinen und vor allem über längere Zeit wird sich das Verhalten der Menschen an die Überwachung anpassen.

WEIL WIR DIE ZUKUNFT NICHT KENNEN

Und selbst, wenn wir jetzt mal großzügig annehmen, dass unsere Regierung Überwachungsmöglichkeiten tatsächlich verantwortungsbewusst und nur in unmittelbaren Notfällen einsetzen würde (und, mal ehrlich, wer traut ihnen das wirklich zu?):
Wer sagt uns, dass die nächste Regierung das auch so halten wird?
Einmal in Kraft sind solche Gesetze schwer wieder los zu werden, vor allem unter einer Regierung, die sie zu ihrem eigenen Vorteil nutzen WILL.

Ich finde, wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass Google, Facebook und Staatsorgane ständig alles über uns erfahren können.
Wir sollten uns eher daran gewöhnen, unser Recht auf Privatsphäre einzufordern.

credits: CCTV Vektors by spoongraphics

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22 Gedanken zu “Warum Privatsphäre?

    1. Ob das so einfach ist mit dem Abschalten… wirklich keine Spuren im Netz zu hinterlassen ist extrem schwierig und wird uns in Zukunft noch vehement beschäftigen, aber fürs erste stimm ich dir zu, diese Macht in der Hand von Staatsorganen ist wirklich ein dringliches Problem.

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      1. keine Spuren, glaube ich geht nicht, aber man hat auch Spuren in Ämtern, in Schulen überall ausserhalb des Netzes und das war schon immer so….ich sehe dir Gefahr mehr dort, da fühle ich mich persönlich völlig ausser Kontrolle ! Und dass wir hier sind, ist eh die schlimmste Datenverbreitung !!!!

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      2. Das Schwierige ist ja, dass Institutionen mehr und mehr Zugriff auf Daten von Facebook, Google etc. erhalten, die beiden Probleme sind ja nicht voneinander getrennt sondern verschmelzen immer mehr zu einem. Wie, dass wir hier sind, meinst auf WP?

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      3. So war’s gedacht, ja. Ich schreib in diesem Blog bewusst mit Realnamen. Und ja, es ist wohl ein Bisschen ein Spiel mit dem Feuer, aber eben auch deshalb hab ich Erfahrung damit, dass man auf das achtet, was man von sich gibt. Meines Wissens nach kann man übrigens Suchmaschinenzugriff auf WP blocken, wie gut das funktioniert weiß ich allerdings nicht.

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      4. Also zwischen uns findet google bei mir nur einen beitrag. Verstehe auch, dass du das nicht möchtest (und nicht umsonst bloggst du ja unter pseudonym), die Frage ist, wie man das vermeiden kann, wenn man blogged. Aufm eigenen Blog kann mans vielleicht noch vermeiden, spätestens wenn man auf einem anderen Blog kommentiert wirds schwierig. Im Endeffekt bräuchte man effiziente Werkzeuge zur Kontrolle und Bearbeitung der eigenen Informationen im Netz.

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      5. mit einem geeigneten Programm laesst sich ein totaled Profile erstellen! Wenn Du Deinen Namen eingibst und auf Bilder klickst, kommen die websites, die du besucht hast….ich weiss nicht, wie man das abstellt, ausser den Blog auf private zu stellen.Nur wird eine Diskussion ueber Datenschutz schon anders, wenn man unser Verhalten hier bedenkt. Das sollte ich nur damit sagen:-)

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      6. Da hast du absolut recht 🙂 und ich bin mir dessen auch bewusst, zumindest das was per google über mich auffindbar ist hab ich zu 95% absichtlich da hin getan, aber was mit tiefergehenden Programmen zu finden ist, da fehlt auch mir die Kontrolle. Anonym surfen geht z.B. mit torpark, mails kann man verschlüsseln, zum Beispiel per pgp, ssl etc., aber da muss man, um das effizient zu machen, eigentlich immer up to date sein, das geht rasant mit dem entwickeln und cracken. Ist aber im Endeffekt alles Symptombekämpfung. Was man eigentlich bräuchte wären internationale genau definierte Datenschutzgesetze, was aber sehr schwer umzusetzen ist. Bis dahin kann man an sich nur versuchen Schadensbegrenzung zu betreiben.

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      7. ja, das sehe ich auch so ! Ich bin da auch immer sehr bemüht, deshalb ärgert mich ein wenig, was ich hier mache. Ich bin etwas ambivalent zwischen Daten offen verteilen und Spass am Bloggen !!

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      8. Hey Klartext Nina Hagn. Ich finde deinen Artikel absolut großartig! Die bespiele würden meine sture Freundin nicht überzeugen, die nichts zu verbergen hat. Ich wurde am liebsten ein Buch mit Beispielen schreiben warum wir viel zu verbergen haben.
        Urlaub in den usa: Einreise verweigert wegen fb Diskussion zur Kindererziehung folglich touristenvisum illegal. Adresse und kontodaten durch bank/Behördenfehler von kriminellen benutzt folglich trotz eigenem datenschutz Geld weg. Usw usf

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      9. Danke :-). Ja, es ist gar nicht so einfach, die Leute davon zu überzeugen, dass Privatsphäre und Datenschutz uns alle angehen. Es ist ein komplexes Thema, in so vielerlei Hinsicht jenseits unserer Kontrolle, ich denke viele beschäftigen sich schon aus emotionalem Selbstschutz lieber nicht damit.

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      10. Eben, mit vielen Problemen beschäftigen wir uns lieber nicht, bevor sie nicht vor unserer eigenen Haustür angekommen sind. Was ja verständlich ist, wenn man sich mit jedem Gefährdungsszenarium auseinandersetzt wird man wahnsinnig. Deshalb ist eben aufklärung so wichtig, damit drängende Probleme zumindest mental vor der Haustür ankommen.

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      11. Noch zum Thema: ich bin zwar skeptisch gegenüber, aber auf kein Ablehner von social media. Es kann viel gutes bewirken, in sozialen und demokratischen Prozessen, ist aber eben auch ein mächtiges Werkzeug in den Händen derer, die es zu ihrem Vorteil gebrauchen wollen, zu welchem Zweck auch immer. Es ist ein sehr zweischneidiges Schwert und in Zukunft werden wir uns überlegen müssen wie wir die Vorteile nutzen und uns gleichzeitig vor Missbrauch unserer Daten schützen können, denn social media ist keine vorübergehende Mode sondern etwas, das immer mehr Einfluss im echten Leben hat (ich z.B. wäre nie auf fb gelandet, wenn es nicht notwenid wäre in meinem Metier)

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  1. Oh je… Da hast Du Dir ein gaaaanz spannendes Thema ausgesucht… In der heutigen Zeit akgtueller denn je. Da hast Du Recht. Und so langsam verliert man den Überblick. Ich hab keine Ahnung wer Stand jetzt das Recht dazu hätte mich abzuhören, meine Nachrichten zu verfolgen usw… Und ich mach mir Sorgen wie das ganze wohl weitergeht… Eigentlich will ich es gar nicht wissen. Ich möchte doch nur bloggen ;-)) Naja, ob wir was ändern können? Keine Ahnung. Aber es beunruhigt mich…

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    1. Es ist auch alles sehr beunruhigend. Ob wir was ändern können, da stellt sich wohl die Frage wer „wir“ ist, Leute mit dem Willen da was zu tun, die in den richtigen Positionen dafür sind – sicher. Wir als „Konsumenten“ (und konsumierte) dieses Systems müssen uns wohl vorerst mit Symptombekämpfung und Aufklärungsarbeit begnügen. Ich hab die Petition nat. auch unterschrieben und hoffe, dass es was bringt, aber viel ist das leider nicht…

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